Bodenindexpunkte: Es tut sich was auf internationaler Ebene!

Immer mehr Länder wollen die Bodenqualität über die Bodenindexpunkte (BIP) in ihre Raumplanungsentscheidungen einbeziehen. So auch die Region Brüssel-Hauptstadt, die eine eigene Bodenindexpunkte-Methode entwickelt hat und diese derzeit in öffentlichen Projekten umsetzt. Ein Ansatz, der die Schweiz inspirieren kann? Antworten von François Henry, Projektmanager und Co-Leiter der Goodsoil-Strategie von Bruxelles Environnement.

IQSB-Pro, pour Indice de Qualité des Sols Bruxellois Professionnels„, so nennt sich das im Rahmen der Goodsoil-Strategie von „Brüssel Umwelt“ entwickelte Instrument. Es richtet sich in erster Linie an Projektentwickler/innen, Stadtplaner/innen, Landschaftsplaner/innen und Planungsbüros in der Region Brüssel-Hauptstadt. Ziel des Ansatzes: Die Bodenqualität in die Projektplanung einbeziehen und so die wertvollen Bodenfunktionen, die die Grundlage für Ökosystemdienstleistungen bilden, erhalten.  

Wie François Henry erklärt, haben mehrere Entwicklungsstandorte in der Region Brüssel-Hauptstadt seit der Einführung der IQSB-Pro vor etwa sechs Monaten die Methode bereits integriert. Es sind insbesondere Baugenehmigungen für öffentliche Wohnungen, Masterpläne oder auch besondere Bodennutzungspläne. Der Fachmann freut sich über den grossen Zuspruch: „Auch wenn es keine gesetzliche Verpflichtung zur Verwendung dieses Tools gibt, stellen wir fest, dass es in den Ablauf der Verwaltung bei der Entwicklung öffentlicher Projekte einfliesst“.  

In städtischen Umgebungen ist die Umwidmung von Brachflächen oder unbebauten Grundstücken oft ein Diskussionsthema. „Die Entwickler solcher Projekte sind froh über ein Diagnoseinstrument für die Bodenqualität, das es ihnen ermöglicht, ihre Entscheidung zu objektivieren und als Schiedsrichter bei Entscheidungen über die künftige Nutzung zu fungieren“, stellt François Henry fest. Wie der Experte erklärt, sorgt die ständige Verbesserung der IQSB-Pro durch das Feedback von Bodenexperten für eine gute Repräsentativität der berechneten Indizes. 

Durch die Methode konnten auch Entscheidungen zum Management geschädigter Böden in städtischen Parks getroffen und Wege zur Sanierung dieser Böden aufgezeigt werden. Die neueste Version der IQSB-Pro enthält deswegen nun auch Indizes für die Bodendegradation, die die Schäden an den Böden berücksichtigen und lokalisieren. Die Thematik degradierter Böden und deren Aufwertung ist auch in der Schweiz ein Thema, aber bislang gibt es keine Entwicklungen, die speziell auf die Bodendegradierung abzielen.  

Derzeit werden die IQSB-Pro fast ausschliesslich freiwillig von öffentlichen Projektentwicklern und -entwicklerinnen eingesetzt. „Brüssel Umwelt“ will aber grösser denken: „Wir streben an, dass das Tool breiter und systematischer eingesetzt wird; zum Beispiel im Rahmen von Grundstücksverkäufen oder bei der Beantragung von Planungsgenehmigungen für grosse Standorte„. Darüber hinaus zieht „Brüssel Umwelt“ für die Zukunft die Idee eines Ausgleichssystems in Betracht, wie es bereits im Bundesland Hessen (Deutschland) existiert. Laut François Henry können diese Herausforderungen nur durch eine Anpassung des ordnungspolitischen Rahmens für die Bodenbewirtschaftung bewältigt werden. Dies entspricht der Situation in der Schweiz, wo es ausser dem Schutz von Fruchtfolgeflächen keinen gesetzlichen Rahmen für den Schutz der Bodenqualität in der Raumentwicklung gibt. Dies wird jedoch vom Nationalen Forschungsprogramm 68 „Nachhaltige Nutzung des Bodens“ empfohlen und von der Bodenstrategie Schweiz des Bundesrates unterstützt.  

Ein brauchbares Instrument entwerfen 

François Henry weist auf einen weiteren Punkt hin, der auch die Espert/innen in der Schweiz beschäftigt: „Es muss sichergestellt werden, dass die Ergebnisse der IQSB-Pro zuverlässig und leicht interpretierbar sind. Das Werkzeug ist technisch, aber die Ergebnisse in Form von Indizes müssen für jede Person, die mit der Entwicklung eines Projekts betraut ist, leicht verständlich sein.“ Darüber hinaus verweist er auf den Bedarf an Expertinnen und Experten mit Erfahrung, um Studien im Zusammenhang mit den Bodenindexpunkte durchführen zu können, sowie an Laboratorien, die den Messprotokollen entsprechen und die Analysen in grosser Zahl durchführen können. Diese Feststellung wird von den Schweizer Bodenkundler/innen geteilt, die an den von sanu durabilitas unterstützten Pilotprojekten beteiligt sind. François Henry kommt zu dem Schluss, dass „das Instrument budgetär erschwinglich sein muss, damit die Kosten für die Untersuchungen und die diagnostischen Analysen des Standorts nicht zu stark beeinflusst werden“. 

Die Bevölkerung einbeziehen 

Die Goodsoil-Strategie in der Region Brüssel-Hauptstadt zielt auch darauf ab, die Bevölkerung einzubeziehen: über ein anderes Instrument, die IQSB-Citoyens. „Brüssel Umwelt“ lädt die Bürgerinnen und Bürger der Region ein, ihren Spaten in die Hand zu nehmen und die Qualität des Bodens im eignen Garten zu messen. Die Bürgerinnen und Bürger erhalten nach dem Einsenden von Fotos der ersten Zentimeter ihres Bodens einen Qualitätsindex, der von „Brüssel Umwelt“ berechnet wird. In der Schweiz gibt es noch kein Pendant, aber vielleicht lässt sich der eine oder andere inspirieren? Bereit, die zu graben?

 

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Gepostet am: 12 September 2022

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